Reinhard-von-Koenig-Preis 2014

Die Stiftung Schloss Fachsenfeld ehrt zwei Forscher der Uni Tübingen

Sie können Blinde sehen machen. Dafür haben Dr. Eberhart Zrenner und Dr. Hugo Hämmerle den mit 20 000 Euro dotierten Reinhard-von-Koenig-Preis auf Schloss Fachsenfeld verliehen bekommen. Es war das erste Mal, dass der Preis ausgelobt worden ist.

Ein junger Mann sitzt am Tisch und starrt angestrengt auf die Tischplatte. Ärzte beobachten ihn. Vor dem jungen Mann liegen vier Buchstaben. Jeder so groß wie ein DIN A4- Blatt. „Mika“ steht da geschrieben. Einige Augenblicke vergehen, bis endlich ein Lächeln über das Gesicht huscht. Der junge Mann, der vor kurzem noch blind war, weist seine Ärzte darauf hin, dass sie seinen Namen falsch geschrieben haben. Er heißt Mikka, mit zwei k.
Prof. Dr. Eberhart Zrenner stoppt den Film, den er gerade den Gästen auf Schloss Fachsenfeld gezeigt hat. „Das war der letzte Patient unserer Pilotstudie“, sagt er. „Wenn der es nicht gebracht hätte, hätten wir aufgehört.“
Doch Zrenner, sein Kollege Prof. Dr. Hugo Hämmerle und ihr 25-köpfiges Team haben nicht aufgehört. Zahlreichen Patienten, die wegen einer degenerativen Augenerkrankung erblindet waren, konnten sie ein Stück ihres Augenlichts wieder zurückgeben. Die beiden ausgezeichneten Forscher der Universität Tübingen haben ein Augenimplantat entwickelt, einen Seh-Chip, der unter die Netzhaut eingesetzt wird und die zerstörten Lichtzellen im Auge ersetzen soll. Dem Großteil ihrer Patienten konnten sie damit helfen.
„Sie beschreiben, dass sie nun so ähnlich sehen wie auf einem alten schwarz-weiß Fernseher“, sagt Zrenner. Die meisten würden ein Glas Rotwein von einem Glas Weißwein unterscheiden können oder erkennen, ob ihr Gegenüber lächelt. „Am besten gefällt mir immer der gelangweilte Blindenhund, der nun nichts mehr zu tun hat“, sagt Zrenner. In seiner Laudatio geht der Chefredakteur der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“, Wolfgang Hess, auf die Geschichte ein, die diesem Erfolg voraus gegangen ist. Nicht immer sei es einfach gewesen, ihre Vorhaben zu finanzieren.
Für ihre Forschung hat eine hochkarätige Jury den beiden Wissenschaftlern nun den Reinhard-von-Koenig-Preis verliehen. Ihre Entscheidung sei einstimmig gefallen. Der Vorsitzende der Stiftung Schloss Fachsenfeld und ehemalige Aalener Oberbürgermeister, Ulrich Pfeifle, überreicht ihnen die Urkunden. Den Preis, der dieses Jahr zum ersten Mal ausgelobt worden ist, nennt er „einen Meilenstein in der 32-jährigen Geschichte der Stiftung Schloss Fachsenfeld“. Die Auszeichnung erinnert an den letzten Bewohner des Schlosses, Baron Reinhard von Koenig-Fachsenfeld, der sich auf dem Gebiet der Aerodynamik einen Namen gemacht hat. Der Preis soll Menschen ehren, die mit Hilfe technischen Fortschritts zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen. Den mit 5 000 Euro dotierten Förderpreis erhält Dr. Wolf Harmening.

© Wirtschaft Regional 30.10.2014

Dr. rer. nat. Wolf Harmening, Jahrgang 1978, studierte Elektrotechnik und Biologie. Nach der Promotion arbeitete er ab 2011 für zwei Jahre mit DFG-Förderung als Postdoc Fellow an der University of California, Berkeley, USA, in der Arbeitsgruppe von Prof. Austin Roorda. Seit 2013 leitet er an der Universitäts-Augenklinik Bonn die Forschergruppe, die ein Mikroskop entwickelt, mit dem sich Sinneszellen in der Netzhaut stimulieren und untersuchen lassen.

Prof. Dr. Hugo Haemmerle Ph.D. studierte 1978 bis 1982 Biologie und Chemie an der Universität Hohenheim/Stuttgart. Nach der Promotion 1987 erfolgte der Eintritt als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in das NMI in Reutlingen. Hier übernahm er 1990 die Leitung der Abteilung Life Sciences. Prof. Haemmerle ist Gründungsmitglied der Retina Plant AG und leitetet seit 2008 das NMI.

Prof. Dr. Eberhard Zrenner, 1945 in München geboren, studierte Elektrotechnik und Medizin in Erlangen und München. Von 1991 bis 2007 leitete er die Universitäts-Augenklinik Tübingen. Bis zu seiner Emeritierung 2011 war Prof. Zrenner Direktor des Forschungsinstituts für Augenheilkunde, wo maßgebliche Schritte für die Entwicklung des Netzhaut-Implantats entwickelt wurden.

Bei der Preisverleihung auf Schloss Fachsenfeld (von links): Jörn P. Makko, Dr. Wolf Harmening (Förderpreisträger), Prof. Dr. Hugo Hämmerle, Prof. Dr. Eberhart Zrenner (beide Träger des Hauptpreises) und Ulrich Pfeifle.
Foto: Herbert Kullmann